Der Tischler von Splügen
von Sten Woelm
In diesen Tagen gab es nicht mehr viel Fremde im ganzen
Berggebiet der Alpen. Schon als ich meinen Weg von Italien und aus dem Tessin
herauf über die steinige Straße zum San Bernardino genommen hatte,
waren mir nur wenige Fahrzeuge begegnet. Auch ich hatte es eilig. Droben
braute um die Zwei- und Viertausender Häupter schon gefährlich
der herbstliche Nebel. So war ich froh, endlich ins letzte durchgehende Tal
und nach Tagen bis zum Bodensee zu kommen. Hinter dem Paß lehnte sich
dieses Tal dann auch nach etlichen Kehren gefährlichster Art unsagbar
gewaltig drunten aus. Auf der breiteren Talsohle im engeren Bett stürzten
sich die Wasser des jüngeren Rhein über die Steine. Bald ging es
über die Brücke nach Nufenen. Erst in Splügen machte ich halt,
ein wenig erschöpft, ein wenig benommen von der schnellen schwierigen
Fahrt und den immerzu sich verändernden Ausblicken auf die Schönheiten
des San Bernardinogebiets.
Nach wie vor blaute hier ein unwahrscheinlich schöner
herbstlicher Himmel und es war warm wie im Mai. Eng ineinander geschachtelt
klobten die Häuser des Ortes im enger gewordenen Tal, mittägliche
Stille haftete sonnig in allen Winkeln. Ich kam mir etwas allein und
gottverlassen vor und hätte gern die Stunde gesegnet, die mir doch so
warm zugetan war. Da traf ich in einer Gasse auf einen ältern Mann im
blauen Kittel, der mit Hobel und Stecheisen wohl umzugehen wußte und
an einem neuen Fensterrahmen hantierte. Geschickt zog er Nuten und Falze
nach und prüfe das Werkstück wie einer, der wohl sein Handwerk
kannte. Dabei kam ich mit ihm ins Gespräch. Aber nicht das Handwerk
war es, was zum Zielpunkt unserer Unterhaltung wurde. Seine feinsinnige Art
zu reden und ein aufgegriffenes Wort zu behandeln, machte mich stutzig, aber
auch gewogen, auf Welt und Dinge näher einzugehen. Und dann sagte er,
daß es nicht gut sei, sich auf die allzu flüchtigen Begriffe des
Daseins zu verlassen und der Stimme der Zivilisation allzu oft das Ohr zu
leihen. Er habe nun wieder einen Sommer lang den Strom der Fremden beobachtet,
deren glitzernde Wagen den stillen Ort durchstaubten und deren
beängstigende Hast mit ihnen vor etwas Unbekanntem zu fliehen scheine.
Und nun sage er seinen Kindern zum andermale, daß sie sich besinnen
sollten auf die stillen Schönheiten, die ihnen von Gott gegeben. Davon
würden sie zwar kaum an Gold und Gut reicher, aber der Gewinn der Seele,
auf den es im Leben immer ankomme, sei sicherlich ungleich
größer.
Bei all diesen Worten hatte er nicht aufgehört, sein
Werk zu tun. Nur manchmal war sein Blich auf Firnen und Grate gewandert,
aber immer wieder bedachtsam zurückgekehrt. Ich fühlte mich
beschämt von seinen Worten obschon ich wußte, daß es nicht
seine Absicht gewesen war, sie auf mich zu beziehen. Aber ich kam aus der
Welt, die er meinte und war im Begriff, wieder dorthin zurückzufahren.
Ein gut Teil des Staubes und der Hast hingen von der langen Fahrt von Italien
her an mir.
Der Mann bemerkte meine Verlegenheit und kraulte sich die
Holzspäne aus dem Bart. Bleiben Sie hier, junger Mann, sagte er gelassen,
verweilen Sie und gehen Sie mit mir einige Tage auf den Wegen zu meinen Kindern.
Sie sind in drei Dörfern rings umher und brauchen mich hin und wieder.
Ich deutete auf die herbstlichen Wolkenfetzen, die hin und wieder drohend
vorüberzogen. Er lächelte fein. Ja, ja, die Hast, sagte er, die
Hast, und stellte den Fensterrahmen beiseite. Fahren Sie nur, ich kann Sie
nicht halten. Nein, er konnte mich nicht halten.
Als ich ihm die Hand reichte, gab es plötzlich Lärm
in den Gassen. Wie eine Schar bunter Schmetterlinge stoben aus der einzigen
Schulklasse die Kinder heraus ihren Häusern zu. Der alte Mann lächelte
und winkte. Die Mädchen machten flüchtig einen Knicks und die Knaben
zogen ehrerbietig ihre Mützen. Tag, Herr Pfarrer!, riefen sie. Dann
war ich allein, stand auf dem Parkplatz und es war wieder so still und
mittäglich durchsonnt wie vordem.
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